Wer hat zuerst geschrieben? Lena und Matthias über ihr Match und ihre Play-Party

Wer hat zuerst geschrieben? Lena und Matthias über ihr Match und ihre Play-Party

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Lena (40) lebt im Rheinland und findet sich seit 2020 in der BDSM-Szene zurecht, aber seitdem ging es schnell. Matthias kommt aus dem Ruhrgebiet, war der Szene schon deutlich länger verbunden, allerdings eher am Rand, und baut seine Fesselsets bis heute selbst. Im Oktober 2024 matchten die beiden auf Deviance, mittlerweile organisieren sie gemeinsam eine eigene Playparty. Deviance hat sich mit ihnen über ihre Geschichte unterhalten, vom ersten Profiltext bis zu einer Checkliste, die am Ende mehr Fragen aufgeworfen hat, als sie beantwortet hat.


Wie sie zur Szene kamen

Wie seid ihr beide eigentlich zur BDSM-Szene gekommen?

Lena: Ich komme vom Dorf. Da war so etwas einfach verschrien, ich habe mich nicht mal getraut, darüber nachzudenken, was in meinem Kopf vorging. Der Umzug in die Großstadt war dann der ausschlaggebende Punkt: Menschen kennenlernen, die offen sind, wo man nicht verurteilt wird. In einer Therapie kam dann irgendwann der Moment, wo ich gesagt habe, ich habe Bock, mich auszuprobieren und zu gucken, was an diesen Fantasien eigentlich dran ist. Das war 2020, 2021. Danach ging alles ziemlich schnell.

Matthias: Bei mir ist das schon länger her, eigentlich mehr als ein halbes Leben, allerdings immer eher am Rand. Früher war mir das alles zu gruftig. Inzwischen bin ich deutlich aktiver, wir organisieren ja mittlerweile sogar eine eigene Veranstaltung.

Die Suche vor Deviance

Wo habt ihr vorher schon nach Gleichgesinnten gesucht, bevor ihr euch bei Deviance angemeldet habt?

Matthias: Auf ziemlich vielen Plattformen. Ich bin ehrlich gesagt schon so alt, dass ich noch mit Kontaktanzeigen gearbeitet habe. Sadomaso-Chat fand ich wirklich schrecklich, Joyclub auch nicht besser. Bei Deviance hat mich das Prinzip überzeugt, dass man erst matchen muss, um schreiben zu können. Ich dachte mir: Wenn mir jemand schreibt, hat die Person wirklich Interesse, weil sie nicht gerade achtunddreißig andere Nachrichten am Tag bekommt. Das war eine gute Sache. Ich hatte weniger Kontakte als anderswo, aber deutlich nettere.

FetLife hatte ich auch noch. Da gibt es diese Gruppen mit Tausenden Mitgliedern, in denen gefühlt alle zwei Tage derselbe Typ dieselbe Nachricht schickt.

Lena: Ja, auch für mich war Deviance da anders. Ich wurde nicht überflutet, dafür waren die wenigen Matches, die ich hatte, wirklich gut. Mit einem sitze ich heute hier, mit einem anderen schreibe ich immer noch freundschaftlich.

Das erste Match

Was hat euch denn am Profil des anderen konkret angesprochen?

Lena: Sein Text war für eine Dating-Plattform ungewöhnlich tiefgründig. Man hat direkt gemerkt, dass da jemand mit echtem feministischem Anspruch schreibt, kein typischer Dom-Textbaustein. Das hat mich sehr angesprochen. Und er hatte einen Bart.

Matthias: Bei mir war es zuerst das Bild, ich fand sie hübsch. Der Text war eher kurz, klang aber in Ordnung, und die Entfernung passte auch. Also dachte ich, kann man ja mal ausprobieren.

Vom Profil her war es trotzdem kein offensichtliches Match. Matthias konnte mit Seilen wenig anfangen, Lena hingegen war komplett auf Shibari und Bondage eingestellt. Was zusammenpasste, war eher die Persönlichkeit dahinter als die einzelnen Kink-Häkchen. Wer zuerst geschrieben hat, ist bis heute nicht ganz sicher, beide sind überzeugt, es war ihr Text zuerst.

Selbstgebasteltes Fesselset von Matthias, der auf Deviance einen BDSM Partner finden wollte
Matthias baut viele seiner Fesselsets selbst.

Ein holpriger Start

Wie ging es dann weiter, als ihr angefangen habt zu schreiben?

Lena: Ich habe ihn ziemlich schnell bedrängt, wir sollten zu Telegram wechseln. Ich vertraue Typen aus Dating-Apps grundsätzlich nicht mehr, ich wurde schon mal gestalkt.

Matthias: Ich fand das im ersten Moment ziemlich befremdlich, direkt auf einen anderen Messenger zu wechseln. Ich war misstrauisch, ob das überhaupt echt ist, vor allem weil sie nur ein Bild online hatte. Das ging bis kurz davor, dass wir es einfach gelassen hätten.

Beide beschreiben den Anfang übereinstimmend als kleinen Konflikt. Ausgerechnet das hat sich im Nachhinein als gutes Zeichen entpuppt. Lena sagt, ihr wurde dabei klar, dass mit diesem Mann tatsächlich zu reden ist, weil er nicht bei der ersten Reibung blockiert und verschwindet, wie sie es aus anderen Chats kannte. Matthias blieb sachlich, hörte zu und erklärte, statt einfach abzubrechen. Das war der Moment, in dem beide dachten: Diesen Menschen will ich kennenlernen.

Das erste Date

Wie kam es dann zum ersten Treffen?

Lena: Wir haben uns bei mir in der Stadt getroffen, genau an dem Tag ist der erste Schnee des Jahres gefallen, ziemlich romantisch für ein erstes Date. Wir waren den ganzen Nachmittag zusammen in der Stadt unterwegs, abends dann noch in einer Bar. Ich dachte erst wir haben ein normales Date und habe daher auch etwas Glühwein getrunken. Mir war überhaupt nicht klar, dass wir am Ende bei mir landen.

Matthias: Ich war die ganze Zeit unsicher, ob sie das genauso sieht wie ich. Wir hatten super Gespräche, aber ich bin dabei automatisch immer einen Schritt zurückgegangen, das konnte sie schwer lesen. Ich habe ein Kind und ich muss mir sowas einfach besser aussuchen und überlegen als andere vielleicht. Am Ende habe ich sie noch nach Hause gebracht, und dann stand ich plötzlich bei ihr oben.

Über Kinks im engeren Sinn haben sie an diesem Abend kaum gesprochen, das war vorher schon am Telefon abgeklopft. Stattdessen ging es um Kunst, ums Leben, darum, wie unterschiedlich sie eigentlich sind. Lena sagt, genau in diesen Gesprächen hat sie sich verknallt.

Zwei Städte – so fern und doch so nah

Ihr wohnt ja nicht in derselben Stadt. Wie geht ihr damit um?

Lena: So weit auseinander liegen die beiden Städte eigentlich nicht, mit der Bahn sind es im besten Fall eine halbe Stunde von Tür zu Tür, im schlechtesten Fall eine Dreiviertelstunde. Trotzdem war es am Anfang eine Umstellung, gerade weil Matthias sein Kind im Wechselmodell betreut und es nur jede zweite Woche überhaupt Zeit für Treffen gab. Mittlerweile hat sich das eingespielt, inzwischen sehen wir uns auch mit Kind. Die Kennenlernphase bis zum zweiten echten Date zog sich dadurch aber auf rund zwei Monate.

Kulturell beschreiben beide sich als ziemlich verschieden. Lena feiert Karneval, Matthias kann damit nichts anfangen. Musikalisch trafen sie nach Techno und Post-Rock erst nach einiger gemeinsamer Playlist-Arbeit auf Björk. Was sie verbindet, ist nach eigener Beschreibung eher der Kern als der Stil. Beide sind kreativ und handwerklich unterwegs, und beide haben schon eigene Veranstaltungen organisiert, nur eben in völlig unterschiedlichen Szenen.

BDSM im Alltag

Welchen Stellenwert hat BDSM in eurer Beziehung, und wie lebt ihr das aus?

Lena: Wir würden uns beide mehr Zeit dafür wünschen, als wir gerade haben. Das letzte Jahr war ziemlich vollgepackt mit Alltagsstress, Kind und unserer eigenen Veranstaltung, sodass unser eigenes Spiel oft zu kurz gekommen ist. Das eigentliche Hobby, das uns zusammengebracht hat, kommt gerade selbst am wenigsten vor, während wir uns beruflich und ehrenamtlich immer mehr genau darum herum spezialisieren.

Matthias: Ein Kapitel für sich ist unsere Checkliste, die wir ungefähr anderthalb Jahre nach dem ersten Date angelegt haben. Am Anfang gab es nur eine Spalte für Lenas Grenzen, bis ihr auffiel, dass darin nur ihre Tabus abgefragt wurden und gar nicht, was ich mir eigentlich wünsche. Also haben wir die Liste um meine Vorlieben erweitert, mit getrennten Spalten pro Person, damit keiner seine Angaben danach richtet, was dem anderen gefällt.

Lena: Am Ende hat die Liste ehrlich gesagt mehr Fragen aufgeworfen, als sie gelöst hat. Was an einem Tag auf Grün steht, kann am nächsten Tag ganz anders wirken, je nachdem, wie tief man gerade in der eigenen Rolle steckt. Ich stehe zum Beispiel auf Atemkontrolle, die steht also bei mir auf Grün. Für Matthias jedoch ist sie nur auf Grün, wenn ich dabei klar in meiner submissiven Rolle bin, ansonsten auf Rot.

Matthias: Genau das ist für mich manchmal schwierig einzuschätzen. Steht in der Liste Rot, frage ich mich in der Situation trotzdem, ob es gerade doch in Ordnung wäre, denn ich würde niemals etwas tun, das bei einem von uns auf Rot steht. Am Ende hilft nur eins: reden.

Ihre eigene Veranstaltung

Ihr veranstaltet ja mittlerweile eure eigene Play-Party. Wie kam es dazu?

Matthias: Der Auslöser war vor allem Frust über das bestehende Angebot. Ich habe mich immer beschwert, dass man sich überall schwarz anziehen und Anzüge tragen muss. Das war uns entweder zu unpersönlich oder einfach nicht unser Ding.

Lena: Auf den offenen Fetischpartys waren uns wiederum zu viele Newcomer unterwegs, um uns dort richtig auszuleben und bei den klassischeren BDSM-Veranstaltungen hat mich die Sprache in den Ankündigungen gestört, die fast ausschließlich von weiblichen Subs ausging. Also haben wir gesagt, wir wollen eine inklusive Veranstaltung machen.

Matthias: Wir haben eine Location bei mir um die Ecke gefunden, dort gefragt und alles umdekoriert. Beim ersten Mal war es noch nicht perfekt, aber es hat sich eingespielt, und im März und Juni haben wir dann unsere ersten beiden Ausgaben durchgeführt.

Lena: Wir haben es bewusst klein gehalten, rund 35 Gäste pro Termin, mit einem verkleinerten Aufenthaltsbereich, gemütlich mit Polstern ausgestattet, und ohne festen Dresscode. Beim ersten Mal kannten wir noch die meisten Gäste persönlich, bei der letzten Ausgabe war es schon etwa hälftig zwischen bekannten und neuen Gesichtern.

Selbst die Musikauswahl ist zum gemeinsamen Projekt geworden. Ein Lied, das beiden gefällt, gilt bei ihnen als eine Art Gütesiegel, entsprechend läuft eine Mischung aus Elektro, den Matthias sonst nicht hört, Post-Rock, den Lena sonst nicht hört, und Björk, weil die beide mögen.

Zum Schluss

Wie seid ihr eigentlich überhaupt auf Deviance aufmerksam geworden?

Lena: Ich habe im Podcast Kunst der Unvernunft von Deviance gehört und mich gleich angemeldet.

Matthias: Bei mir kam der Kontakt zu Kunst der Unvernunft sogar über Deviance zustande, also genau andersherum. Denn die Person mit der ich vorher geschrieben hatte, kannte Deviance darüber (lacht).


Ihr Profil auf Deviance haben beide erst kürzlich gelöscht, nachdem es seit dem Kennenlernen fast ein Jahr lang weiterlief. Lena hat inzwischen sogar angefangen, die ersten Monate ihrer Geschichte in einem eigenen kleinen Buch aufzuschreiben. Einen Auszug findet ihr hier.

Cover des Buches "Zwischen Perle und Puppe" von Lena, die auf Deviance einen BDSM Partner finden wollte
'Zwischen Perle und Puppe': Lena schreibt ihre Geschichte auf
Buchseite aus "Zwischen Perle und Puppe" von Lena, die auf Deviance einen BDSM Partner finden wollte
Ein Blick ins Buch: 'Zwischen Perle und Puppe'