Diagnose: Sadomasochismus. Bin ich krank?

Autor: Deviance
BDSM & Gesellschaft | Stories

BDSM wird gern als eine Abweichung der Norm angesehen, teilweise sogar als krank. Doch wer definiert und bestimmt schon was „normal“ ist? Bloggerin und Twitterin Cassie hat für euch recherchiert und stellt euch in diesem Gastbeitrag die Ergebnisse sowie ihre ganz eigenen Gedanken dazu vor. Ehrlich und authentisch.


Ich gehöre zu den Menschen, die sich beim Sex schlagen, würgen, fesseln und knebeln lassen. Ich werde in engen Latexoutfits und einer Leine an meinem Lederhalsband durch die Wohnung geführt. Ich werde sogar fies beleidigt und bespuckt. Und das alles gefällt mir auch noch richtig gut. Ziemlich krank oder?

Ist das Praktizieren von BDSM wirklich pathologisch?

Im Fall der Kontroverse, ob BDSM krank ist oder nicht, gehöre ich lustigerweise auf beide Seiten der Diskussionsrunde. Ich praktiziere seit ein paar Jahren BDSM und würde mich als leidenschaftliche Masochistin beschreiben, doch gleichzeitig studiere ich fleißig Psychologie im Master und muss mich somit mit einer breiten Reihe an Störungsbildern auskennen.

Die Wahrheit ist: In der ‚Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme‘, oder einfach ganz kurz, dem ‚ICD-10‘, ist Sadomasochismus unter dem Diagnoseschlüssel ‚F65.5‘ (Störungen der Sexualpräferenz) kategorisiert. Unter der gleichen Kategorie finden sich Pädophilie und Nekrophilie.

Auf dem Papier ist BDSM, oder zumindest der sadomasochistische Teil, tatsächlich eine pathologische und somit gestörte Sexualpräferenz, eine sogenannte „Paraphilie“.

F65.5 Sadomasochismus

Info: Es werden sexuelle Aktivitäten mit Zufügung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betroffene Person diese Art der Stimulation erleidet, handelt es sich um Masochismus; wenn sie sie jemand anderem zufügt, um Sadismus. Oft empfindet die betroffene Person sowohl bei masochistischen als auch sadistischen Aktivitäten sexuelle Erregung.

ICD-10

Ich weiß genau, wie ihr jetzt reagieren werdet: „Was für ein absoluter Bullshit! BDSM ist doch nicht krank! Was schreibst du hier für einen Mist!“ Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Meiner Auffassung nach ist etwas als pathologisch oder krank anzusehen, wenn es für Betroffene einen subjektiven Leidensdruck erzeugt, das heißt, zu psychischem oder physischem Leid führt und den Menschen belastet. Nicht zu vernachlässigen ist natürlich, ob Menschen im unmittelbarem Umfeld durch das Verhalten der Betroffenen ebenso belastet oder sogar gefährdet werden.

Also bitte keine grundlose Panik! Nicht alles was im ICD-10 als Krankheit gelistet ist, soll, beziehungsweise muss, behandelt oder korrigiert werden.

Doch praktiziert man nun BDSM oder andere Paraphilien oder vielleicht sogar nur „stinknormalen“ Blümchensex, kann es immer passieren, dass sich aus einer gesunden Neigung etwas Pathologisches entwickelt.

Sobald man, zum Beispiel, anfängt für die eigene sexuelle Befriedigung Dinge zu tun, die man eigentlich gar nicht möchte und auch nicht mit sich vereinbaren kann, sollte man psychologische Beratung aufsuchen. Belastende Schamgefühle oder sogar ein Widerwillen gegenüber bestimmten Praktiken, welche dann die freiwillige sexuelle Ausübung in Frage stellen, sollten keinen Platz im Sexleben haben.

Doch besonders im BDSM kann es ebenso passieren, dass die sexuelle Vorliebe sich negativ auf das Selbstkonzept auswirkt, zum Beispiel wenn man Denkweisen wie „Ich verdiene es erniedrigt und kontrolliert zu werden“ aus dem ’sexuellen Spielraum‘ in den Alltag übernimmt. Oder sobald man auch im alltäglichen Leben immer und überall die Kontrolle über seine Mitmenschen behalten muss.

Aufpassen sollte man auch, wenn man bemerkt, dass Sex zu einer Art Zwang oder Sucht wird, oder die sexuelle Befriedigung gar wichtiger wird als die existentielle Sicherheit sowie das Führen eines glücklichen, geregelten Lebens, wie ich es im Zuge der Financial Domination oft erlebt habe. So etwas sollte man beobachten und in diesen Fällen auf jeden Fall eine klinische Diagnosestellung in Erwägung ziehen.

Generell gilt allerdings natürlich immer, dass sich eine selbstbestimmte, befriedigende Sexualität in welcher Szene auch immer, positiv auf die psychische und physische Gesundheit auswirkt. Seine sexuellen Präferenzen zu unterdrücken oder zu verleugnen hat sicherlich schwerwiegendere Konsequenzen für die Gesundheit als das Ausleben einer Sexualpräferenz außerhalb des ‚Normbereichs‘.

Passt man also auf sich selbst, seinen Kopf und seinen Gemütszustand auf, ist BDSM natürlich nicht krank.

Wenn BDSM an sich nicht krank ist, vielleicht die Menschen, die es praktizieren?

BDSM wird gern als eine Abweichung der Norm angesehen, doch wer definiert und bestimmt schon was „normal“ ist?

Außerdem ist relativ unklar, wie viele Menschen tatsächlich BDSM praktizieren oder wie viele zumindest ausgeprägtes Interesse an Peitschen, Gagballs und Bondage-Seilen haben.

Es kann gut sein, dass unsere kinky Community somit viel größer ist als angenommen und einige Personen einfach etwas schüchtern sind. Empirische Untersuchungen reichen da nämlich von zwei bis 62 Prozent der Bevölkerung. Also wer weiß schon ganz genau, ob Sadomasochismus wirklich so ‚unnormal‘ ist?

Was man allerdings nicht leugnen kann, ist, dass es eine gewisse Verknüpfung zwischen diversen Persönlichkeitsstörungen und dem Interesse an BDSM gibt. Insbesondere die Borderline- Persönlichkeitsstörung oder die Sadistische sowie Narzisstische Persönlichkeitsstörung sind von diesem Zusammenhang betroffen.

Nimmt man jedoch alle BDSM-Praktizierenden zusammen, machen die Menschen mit Persönlichkeitsstörung in der Szene höchstwahrscheinlich einen geringen Teil aus.

Fühle ich mich nur zu BDSM hingezogen, weil ich Borderline habe?

In meiner Jugend wurde ich mit der eben genannten Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie rezidivierenden mittelschweren depressiven Episoden diagnostiziert. Ungefähr zur gleichen Zeit entwickelte sich bei mir ein Interesse an BDSM.

Damals nahm ich keinen Zusammenhang zwischen meiner Störung und meiner Sexualpräferenz wahr, doch heutzutage kommt es oft vor, dass ich mich frage, ob ich BDSM auch mögen würde, wäre ich ‚gesund‘. Besonders im Rahmen der ganzen Vorurteile, die ich über die Verbindung zwischen BDSM und psychischen Krankheiten hörte, machte ich mir oft Gedanken und grübelte über meine Neigungen.

Ich bin jetzt älter, die Symptome meiner Störung werden immer schwächer und meine Liebe für BDSM bleibt trotzdem. Ich bin zu dem Schluss gekommen, meine ‚anormale‘ Sexualpräferenz so anzunehmen wie sie ist, unabhängig vom Ursprung ihrer Entwicklung.

Was ich jedoch beibehalten habe ist, regelmäßig zu reflektieren, ob sich BDSM immer noch gut für mich anfühlt, ob sich meine sexuelle Unterwerfung als Sub negativ auf meine Psyche auswirkt oder ob ich mit belastenden Gefühlen und Gedanken aus einer Session hinausgehe.
Ich denke, dass jede Person in der Szene das regelmäßig tun sollte, egal ob mit psychiatrischer Vorgeschichte oder ohne.

Meine Geschichte beantwortet allerdings nicht die Frage, ob Menschen der BDSM-Szene öfter an psychiatrischen Störungsbildern leiden als Personen, die sich im Vanilla-Bereich wohlfühlen. Doch glücklicherweise interessiert sich auch die Forschung für dieses Thema und einige psychologische Studien können uns mit ihren Forschungsergebnissen weiterhelfen.

Und so sieht’s aus: Zusammenfassend wurde weder in älteren noch in aktuellen Studien Evidenz gefunden, die unterstützen würde, dass klinische Störungsbilder wie Depressionen, Angststörungen und Zwangsstörungen oder andere Pathologien unter Personen, welche Interesse an BDSM zeigen, öfter vorkommen als in der Gesamtpopulation (zum Beispiel Connolly, 2006 oder Brown et. al 2020).

Warum also wird unsere sexuelle Präferenz als so pervers und krank angesehen?

Darstellungen in Medien formen unsere Wahrnehmung

Egal wo man hinschaut, es ist immer ein Christian Grey, der aufgrund von Kindheitstraumata beim Sex mit Frauen zwanghaft Kontrolle und Gewalt ausüben muss, oder es ist ein sizilianischer Mafioso á la 365 Days, der eine Frau entführt und zu seiner Sub macht, bis sie sich in ihn verliebt. (Schon einmal etwas von „Stockholm-Syndrom“ gehört?)

Es ist immer das Gleiche. BDSM wird stets im Zusammenhang mit echter Gefahr und krankhaftem Verhalten dargestellt. Selten in einem Setting, in dem es eigentlich stattfinden sollte, einem Setting voller Vertrauen und Sicherheit.

Es ist dann nicht mehr verwunderlich, dass man BDSMler und Sadomasochist:innen in der breiten Masse als krankhaft und ‚unnormal‘ oder sogar gefährlich wahrnimmt, wenn sie in Medien wie Büchern, Serien und Filmen genau so dargestellt werden.

Vor nicht allzu langer Zeit fing auch ich an, eine neue BDSM-Romanreihe zu lesen. Bereits auf den ersten Seiten des ersten Bandes warf der „Dom“ die Protagonistin aus einem fahrenden Auto, als sie sich weigerte ihn „Daddy“ zu nennen. Ich kam also bis Seite zehn, bevor ich erschrocken aufhören musste zu lesen.

Es scheint so, als wäre eine gesunde Darstellung von BDSM in den Medien fast unmöglich oder zumindest einfach uninteressant. Einvernehmlicher, gesunder Sex, der jedoch auch Schmerz und Machtspiele beinhaltet, scheint einfach auf Unverständnis zu treffen. Diese Kombination macht für viele Vanilla-Medienkonsument:innen wohl einfach keinen Sinn.

Klar, natürlich haben Phänomene wie Fifty Shades of Grey oder 365 Days auf Netflix auch dafür gesorgt, dass BDSM für Menschen außerhalb der Szene greifbarer wurde und sogar Interesse für das Thema bei ihnen geweckt werden konnte. Doch dabei geholfen, unsere speziellen sexuellen Neigungen zu depathologisieren und bestimmte Vorurteile abzubauen, hat die Darstellung von BDSM in diesen Geschichten sicherlich nicht.

Ferner bringt sie viele Neulinge der Szene sogar in Gefahr, da ihnen beigebracht wird, BDSM wie selbstverständlich mit Gefahr, einem gewissem Maß an Widerwillen oder sogar Angst zu verbinden. Ihnen wird das Gefühl gegeben, diese Dinge wären zwischen Spielpartner:innen normal.

Doch nein, das sollte definitiv nicht die Realität sein.

Was muss in Zukunft geschehen?

Autor:innen sowie Film- und Serienmacher:innen sollten sich bewusst werden, wie viel Einfluss ihre Darstellungen von BDSM oder anderen Lebensweisen und Praktiken, auf die Wahrnehmung von Konsument:innen haben können. Besonders wenn es sich dabei um Praktiken handelt, die gefährlich werden können, wenn sie falsch vermittelt und somit falsch verstanden werden.

Die Dramedy Serie „Bonding“ auf Netflix ist momentan ein wunderbares Bespiel dafür, dass Serien- oder Filmmacher:innen auch Erfolg haben können, wenn sie aktiv gegen BDSM-Stigmata vorgehen.

Grundsätzlich sind wir momentan durchaus auf dem richtigen Weg, insbesondere dank guter Aufklärungsarbeit der Community sowie neuen und toleranten Bewegungen in der Forschung. Und hier eine gute Nachricht zum Schluss: Dass Sadomasochismus im nächsten ICD-11 (2022) noch als psychiatrische Störung gelistet sein wird, ist unwahrscheinlich.

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