Vanilla View: Ein Interview über BDSM

Autor: Kitteh
Interviews | Stories

Um BDSM kursieren allerlei Mythen. Kaum ein:e Außenstehende:r hat eine genaue Vorstellung davon. Und wie denn auch? Wer keine kinky Neigungen hat, wird sich nicht informieren. Vielmehr sind Vanillas dem ausgesetzt, was die Medien vermitteln. Marcel (33) ist Fitnessökonom und hat mit BDSM so viel am Hut wie ich mit Borussia Dortmund. Er ist also der perfekte Interviewpartner um herauszufinden: Was denkt ein Vanilla über BDSM?

Disclaimer: Die Antworten sind selbstverständlich nicht repräsentativ für eine gesellschaftliche Mehrheit, sondern vielmehr eine mögliche Sichtweise. Wir möchten dabei betonen, dass es hier nicht um Vorurteile und Verallgemeinerungen geht. Menschen, die nicht BDSM praktizieren, wissen oft gar nicht, was Kinkshaming ist und welche Aussagen abwertend sein könnten. Legt also bitte keine der Aussagen auf die BDSM-Goldwaage. Wir freuen uns, dass hier ein jemand bereit ist, so offen mit uns zu sprechen. Das zeugt von Toleranz und Akzeptanz, nicht nur für unsere Arbeit, sondern für die ganze Community.


Hattest du selbst schon Berührungspunkte mit BDSM?

Marcel: Nein, nicht körperlicher Art. Lediglich über Freunde, die mal versucht haben, was in die Richtung auszuprobieren oder die klassische RTL2-Reportage nach 22 Uhr.

Was ist das Erste woran du denkst, wenn ich BDSM sage?

Marcel: Da schießen mir Bilder von gefesselten oder geknebelten Menschen in den Kopf, die von anderen Menschen in irgendeiner Form mit Peitsche, Stock oder sowas ein bisschen – naja ich sag mal – drangsaliert werden.

Damit meinst du es werden Schmerzen zugefügt?

Marcel: BDSM bringe ich schon mit körperlichem Schmerz – also gewolltem Schmerz – in Verbindung, ja.

Vanilla Grundwissen – Das weiß Marcel über BDSM

Welche Rollen kennst du?

Marcel: Ich denke, ich kenne zwei. Die der devoten Person und die der dominanten Person. Also ein:e Unterwürfige:r und eine:r der/die quasi über sie oder ihn bestimmt und herrscht…(überlegt)…Ne, mehr kenne ich nicht.

Welche BDSM-Praktiken kennst du, was fällt dir zuerst ein?

Marcel: Also da gibt’s wahrscheinlich Hunderte und ich kenne sehr wenige davon. Bondage-Geschichten, bei denen man sich ans Bett fesselt und Gegenstände wie Peitschen oder sowas. Mir fehlen da die Begriffe, solche Gegenstände, mit denen man sich eben bearbeitet.

Glaubst du BDSM ist gefährlich? Was denkst du muss man besonders beachten?

Marcel: Ja, ich glaub schon. Ich habe zumindest mal gehört, dass zwei Menschen, die sich zum BDSM verabreden, vorher schon No-Gos vereinbaren. Da gibt’s so Codes oder Safety Words. Würde es die aber nicht geben, dann kann ich mir schon vorstellen, dass jemand seine Rolle, vor allem die dominante Rolle, vielleicht etwas überinterpretiert. Dann passieren vielleicht Dinge, die dem oder der Sexualpartner:in echt nicht gefallen und die dann auch ausarten könnten.

Wie stellst du dir einen BDSM-Stammtisch vor?

Marcel: Davon hab ich noch nie gehört! Aber ich habe ja meine eigenen Stammtische mit den Fußballjungs. Wenn ich das jetzt auf BDSM projiziere, stelle ich mir vor, dass die auch zusammensitzen bei einem Bierchen. So wie wir uns über die Fußballspiele austauschen, die grad waren, tauscht man sich dort bestimmt über die vergangenen BDSM-Sessions aus. Vielleicht bespricht man untereinander Erfahrungen mit den Sachen, die man so probiert.

Vanilla-Drehbuch: Wie läuft das wohl?

Wie läuft in deinem Kopf so eine Session ab?

Marcel: (lacht) Also ich steig hier mal ein, wenn sich die zwei Personen schon über diese Safety Codes ausgetauscht haben?

Ja genau, Limits wurden schon besprochen und ein Safeword festgelegt.

Marcel: Die eine Person ist auf jeden Fall wehrlos gefesselt dem Anderen ausgeliefert. Ob das jetzt im Bett stattfindet oder an irgendeiner Vorrichtung, weiß ich jetzt erstmal nicht. Dann werden verschiedene Stufen eingeleitet, vielleicht wird geknebelt oder auf verschiedenste Arten gefesselt. In meiner Vorstellung ist es dann so, dass die oder der Dominante auch mit Befehlen oder Machtausdrücken der ganzen Sache Nachdruck verleiht. Die geknebelte Person schreit vielleicht vor Schmerzen. Das Ganze geht dann soweit, bis eben so ein Safeword fällt. Ich weiß nicht ob bei solchen Praktiken tatsächlich sexuelle Höhepunkte erreicht werden können. Das übersteigt meine Vorstellungskraft.

Und wenn dann das Safeword gefallen oder der Höhepunkt erreicht ist, dann ist die Session vorbei?

Marcel: In meinem Kopf ja. Dann wird die oder der vielleicht abgeschnallt, alle sind glücklich und liegen sich in den Armen.

Dating – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Wie stellst du dir Dating unter Kinkstern vor? Denkst du wir beide gehen unterschiedlich auf Partnersuche?

Marcel: Ich denke, dass die Partnersuche sehr ähnlich abläuft. Du hast von eurer Plattform erzählt und ich habe früher ja auch Lovoo oder Tinder genutzt. Da gebe ich vielleicht meinen Lieblingssong an, meine Hobbys und meine Abendgestaltung und schau dann, mit wem das übereinstimmen könnte. Ich stell mir vor, dass ihr dann auf so einem Portal eben eure Fetische und bevorzugten Praktiken preisgebt und dann auf dieser Basis eure Partner sucht.

…und abseits von Dating-Plattformen?

Marcel: Das stell ich mir schon schwieriger vor. In meinen Augen ist das ja eine total kleine Randgruppe, die BDSM macht. Im Club beispielsweise spricht man jemanden an und quasselt vor sich hin. Dabei eine bestimmte sexuelle Vorliebe herauszufinden, ist sicher schwierig. Ich würde mich nicht trauen, einfach so danach zu fragen.

Eine Randgruppe also. Glaubst du, viele Leute in deinem Umfeld haben heimlich BDSM-Neigungen?

Marcel: (lacht) Also ich kenne nur eine einzige Person, die minimal in diese Richtung was ausprobiert hat. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es mehrere in meinem Freundeskreis gibt, die vielleicht diese Neigung haben, aber sich bisher nie getraut haben, mit mir drüber zu sprechen. Jetzt bin ich 33 Jahre alt und ich habe noch nie so ein Gespräch in meiner Jungsrunde geführt.

Konfrontiert mit BDSM – unangenehm für einen Vanilla?

Und wenn doch? Wie würdest du reagieren, wenn ein Freund oder jemand aus deiner Familie sich als Kinkster outet?

Marcel: Ich würde verständnisvoll und interessiert reagieren. Denn ich würde mich schon als open-minded bezeichnen und bin auch immer bestrebt, meinen Wissenshorizont in verschiedene Richtungen zu erweitern. Deswegen find ich auch das Interview grad klasse, ich lerne was dazu. Ich würde ihn oder sie also auf keinen Fall verurteilen. Eher würde ich ein paar Fragen stellen.

Was haben dir die Medien bisher für ein Bild von BDSM vermittelt?

Marcel: Ich finde, dass BDSM in der Öffentlichkeit und in den Medien ein absolut verruchtes Thema ist. Die Medien vermitteln mir ein Bild von entarteter Sexualität. Auch wenn ich mal mit Leuten ins Gespräch darüber komme, ist das Thema oft verpönt.

Findest du es unangenehm, wenn du mit dem Thema Fetisch und BDSM konfrontiert wirst, zum Beispiel auf Social Media?

Marcel: Ne, mir persönlich ist es nicht unangenehm. Aber es passiert auch sehr sehr selten, weil ich in den sozialen Medien solchen Pages gar nicht folge. Ich habe da sehr wenig Berührungspunkte. Aber wenn es doch mal vorkommt, finde ich es nicht unangenehm, weil ich der Meinung bin, dass jeder Mensch seine sexuellen Vorlieben in welcher Art auch immer ausleben darf. Doch ich kann mir vorstellen, dass es viele Leute gibt, für die das befremdlich ist.

Für immer Vanilla – oder doch mal probieren?

Schmerz und Lust – Kannst du dir vorstellen, dass sowas zusammen geht?

Marcel: In meinem Kopf: Nein. Auch ich habe in meinem Leben durchaus schon sexuelle Erfahrungen sammeln dürfen, aber sobald es zu Schmerz kam – sei es auch nur Kratzen oder Beißen – war bei mir das Lustempfinden komplett weg.

Gibt es BDSM-Praktiken, die du als Vanilla vielleicht doch interessant findest?

Marcel: Ich hab mir mal so ein kleines Peitschchen und Handschellen gekauft, weil ich das mal einfach ausprobieren wollte. Aber dabei habe ich nicht an BDSM gedacht, sondern eher „Komm, ich kauf mir einfach mal bisschen Sexspielzeug“.

Würdest du BDSM – mit deinen eigenen Grenzen – mit deinem oder deiner Partner:in ausprobieren?

Marcel: Ich wäre da nicht komplett verschlossen. Aber das Ganze hätte Grenzen. Zum Beispiel jemandem ins Gesicht schlagen, da ist für mich eine Grenze überschritten. Ich denke da maximal an sowas, wie mit dem kleinen Peitschchen mal über den Po oder den Schenkel ziehen. Und vielleicht mal die Handschellen etwas fester binden. Aber würde er oder sie mich jetzt fragen ob ich ihn oder sie anpinkeln oder eine watschen kann, nein. Dann würde erstmal ein ernstes Gespräch führen, ob das wirklich ihr oder sein Wunsch ist und was dahintersteckt.

Also käme es dir komisch vor um sowas gebeten zu werden?

Marcel: Das käme mir tatsächlich komisch vor, ja. Drum bin ich ja auch nicht in dieser Szene drin. Damit ich da nicht falsch verstanden werde: ich will niemanden verurteilen, der das machen möchte. Aber mir persönlich käme es komisch vor….(lacht). Ich bin wohl wirklich ein richtiger Vanilla.

Zum Abschluss eine Gegenfrage…

Marcel, ich danke dir für deine Antworten! Hast du jetzt vielleicht noch eine Frage über BDSM, die dir auf der Zunge brennt?

Marcel: JA! Eine ist aufgekommen. Während dieses Interviews ist mir aufgefallen, dass ich unter dem Begriff BDSM gar keine sexuelle Handlung vor Augen habe. Als du mir die Frage am Anfang gestellt hast, dachte ich: Okay, da ist jetzt ein geknebelter Mann oder eine geknebelte Frau. Es gibt Handschellen, Fesseln, Peitschen und so weiter. Aber wo ist da der sexuelle Akt, so wie ich ihn kenne? Wo findet der Platz beim BDSM?

Kitteh: Es gibt schon die Konstellation, dass kein Sex während einer Session stattfindet. Aber es geht natürlich auch ganz wunderbar zusammen. Denn einerseits gibt es bei uns ja sowas wie Lustschmerz, also sexuelle Erregung durch Schmerz oder Erniedrigung. Das bedeutet, jemand wird dadurch, dass ich ihn oder sie beispielsweise auspeitsche oder mit bestimmten Gesten erniedrige, erregt. Das ist eben eine sexuelle Andersartigkeit.

Genauso gibt es sehr sexuelle, teilweise komplett schmerzfreie BDSM-Praktiken. Keuschhaltung, Orgasmuskontrolle, Fisting, Facesitting um dir nur mal ein paar zu nennen. Diese führen zu Stimulation und können zu einem sexuellen Höhepunkt führen. BDSM macht also auch auf sexueller Ebene viel Spass.

Marcel: Okay wow. Dann bin ich jetzt nach dieser Aufklärung-Session schon ein Premium-Vanilla, oder?

Kitteh: Vanilla mit Streuseln.


Marcel (33) ist Fitnessökonom aus der Nähe von München und hat mit BDSM bisher wenig bis keine Berührungspunkte gehabt.

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