BDSM und Alkohol – beides ist Genuss, beides ist zugleich aufputschend wie entspannend. Da scheint es auf der Hand zu liegen, es zu verbinden. Ein schönes Gläschen Wein, um die Session einzustimmen, ein Cocktail gegen die Nervosität beim ersten Spielen… Klingt gut? Nein, leider nicht. So wie ein klassischer romantischer Abend nicht immer eine Berghütte mit Kaminfeuer oder Blumen und Schaumbädern enthalten muss, so braucht es für einen Abend voller erwachsenem Spaß keinen Alkohol. Denn ein Grundsatz für sicheres und verantwortungsbewusstes BDSM ist „Don’t drink and kink“. Warum? Darum:

1. Mit Alkohol spielen wir nicht mehr „sane“

SSC – unser grundlegendes BDSM-Sicherheitssystem beruht auf der Bedingung, dass wir stets safe (sicher), sane (zurechnungsfähig) und consensual (einvernehmlich) spielen. Demnach verpflichten wir uns also, gemäß dem zweiten S „sane“ vernünftig und im Vollbesitz unserer geistigen Fähigkeiten zu sein. Ja, das klingt sehr spießig. Ist aber unabdingbar, um größtmögliche Sicherheit und damit auch Freude und Lust zu gewährleisten. Unter Einfluss von Alkohol jedoch sind wir weniger vernünftig. Wir werden unachtsamer, risikofreudiger oder einfach überstürzend.

Natürlich gerät man normalerweise nach einem Bier oder einer anderen geringen Menge Alkohol nicht völlig außer Kontrolle. Dennoch sinkt die Hemmschwelle, vielleicht sogar ganz unbewusst. Außerdem neigt man – wenn man erst einmal angefangen hat zu trinken – gern dazu, sich eben noch ein zweites oder drittes Glas zu gönnen. Schnell ist dann ein Pegel erreicht. Manchmal trinkt man dann auch zu schnell, zum Beispiel, um das Glas noch schnell leer zu machen, bevor es los geht. So hat man schneller eine Wirkung als man vielleicht erwartet. Zwar meint man sich noch einschätzen zu können, jedoch wächst das Risiko.

2. Alkohol verschiebt die Grenzen

Beim BDSM geht es oft darum sich fallen zu lassen, Hemmungen abzulegen und Tabus zu brechen. Wir lassen uns gehen und genießen eine Session. Klar klingt Alkohol da nach einer guten Idee um sich in diese entspannte Stimmung zu bringen. Personen, die noch nicht oft miteinander gespielt haben oder vielleicht gerade ihre ersten Erfahrungen machen, könnten meinen, Alkohol hilft die Aufregung zu nehmen.

Dieses Gefühl, die Nervösität, die Bedenken, all das gehört aber dazu. Es sollte nicht betäubt werden. Denn nur wer deutlich spürt, wie er/sie sich fühlt, erkennt beispielsweise Red Flags. Alkohol kann bei neuen Beziehungen ungewollt das Tempo beschleunigen. Doch gerade am Anfang ist es wichtig, kleine Schritte zu machen und genau nachzuspüren, was gewollt ist und was nicht.

Bei erfahreneren, eingespielteren Paaren hingegen gehört das Glas Wein vielleicht einfach genauso zu einem schönen Abend wie BDSM. Jedoch gilt auch hier „don’t drink and kink“. Denn selbst wenn man sich vielleicht nicht betrinkt, wirkt Alkohol trotzdem als Katalysator. Grenzen, die nüchtern ganz deutlich waren, verschieben sich oder werden nicht rechtzeitig erkannt. Gerade wenn man eh schon eingespielt ist, wird man vielleicht risikofreudiger und unvorsichtiger. Egal wie gut du dich selbst und deine:n Partner:in kennst: Mit Alkohol im Blut werdet ihr euch eher überschätzen und Signale missverstehen als nüchtern.

3. BDSM und Alkohol: Die körperlichen Auswirkungen

Auch wie unser Körper auf Alkoholeinfluss reagiert ist nicht zu vernachlässigen. Die Reaktionszeit wird schlechter. Der Kreislauf instabil und unsere Wahrnehmung getrübt. Manchen wird schnell übel. Bei anderen leidet der Gleichgewichtssinn. Alles keine guten Voraussetzungen für BDSM. Es besteht zudem die Gefahr, dass wir unsere Kraft weniger gut einschätzen und kontrollieren können. Dadurch werden viele Praktiken absolut unsicher.

Genauso ist es gefährlich, wenn eine Person unter Alkoholeinfluss seine/ihre körperlichen (und psychischen) Grenzen nicht mehr sicher abschätzen kann. Auch der gegenteilige Fall kann eintreten. Nämlich das Limits im alkoholisierten Zustand deutlich schneller erreicht sind, als man es im Normalfall gewohnt ist. Unsere Reaktionszeit ist zudem selbst mit sehr wenig Promille schon verschlechtert. Doch besonders dann, wenn etwas schief läuft, bedarf es einer schnellen Reaktion/Befreiung.

4. Kein Consent unter Alkohleinfluss

Auch im Sinne der Einvernehmlichkeit solltet ihr unbedingt auf Alkohol vor oder während der Session verzichten. Denn angetrunken in eine Praktik einzuwilligen, die man nüchtern ablehnen würde, ist kein Consent. Ihr habt immer eine Verantwortung euch selbst und den Spieltpartner:innen gegenüber. Würdet ihr selbst mit jemandem spielen wollen, bei dem ihr nicht sicher sein könnt, ob eine Einwilligung gerade nur dem Übermut geschuldet ist?

Drängt eine Person darauf, Alkohol zu trinken, um die Stimmung zu lockern oder schlägt es immer wieder vor, ist das eine Red Flag. Es mag sein, dass es in eingespielten Beziehungen für manche Personen in Ordnung ist Alkohol in Maßen vor einer Session zu sich zu nehmen. Gehört das Glas Wein aber fest zur Session, dann kann diese Praktik bedenklich sein – denn über einen langen Zeitraum nur unter Alkoholeinfluss und niemals „klar“ zu spielen ist ebenfalls weder „sane“ noch „safe“. Doch diese Personen handeln stets auf eigene Gefahr. Sie sollten kein Leitbild darstellen.

Trinkkultur und Etiquette

BDSM ist etwas, dass oft außerhalb der gesellschaftlichen Norm stattfindet, warum sich dann beim Alkohol wieder dranhalten? Filme, Bücher und gesellschaftliche Konventionen assoziieren Daten, Kennenlernen und Partys oft mit Alkohol. Hier geht es um den lösenden, stimmungshebenden Effekt und soll Menschen eben „sozial“ wirken zu lassen. Trinkt man keinen Alkohol, dann wirkt das oft bieder. Dabei ist niemand darauf angewiesen, aufgrund einer gesellschaftlich diktierten Norm zu trinken. Auf einigen Playparties und in einigen BDSM-Clubs gibt es daher Alkohol nur in kontrollierten Mengen oder sogar gar keinen.

In Amerika ist Alkohol in allen BDSM-Räumlichkeiten verboten und in den meisten Ländern verpönt. In Deutschland gibt es eine Trinkkultur, aber im BDSM gibt es Verantwortung und Gefahren. Erinnert euch daran: Bereits ab drei Bier darf man in Deutschland kein Fahrrad mehr fahren, wieso sollte es dann okay sein eine Peitsche in die Hand zu nehmen und Verletzungen zu riskieren? Weil es „dazu gehört“?

BDSM und Alkohol: No Risk – more fun!

Unter Alkoholeinfluss miteinander zu spielen, erhöht also unvermeidbar das Risiko, dass Grenzen überschritten werden. So ist BDSM nicht mehr für alle Beteiligten so sicher wie möglich. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für Drogen, Betäubungsmittel und diverse Medikamente.

Wir versuchen beim BDSM immer alle möglichen Risiken auszuschließen beziehungsweise uns diesen im Sinne von RACK ihrer bewusst zu sein. Alkohol und Drogen sind ein solcher Risikofaktor. Auch wenn der Reiz groß ist und die Gefahr klein erscheint: Seid euch den möglichen Auswirkungen sehr bewusst. Drops, Verletzungen und Traumata sind den vermeintlichen Mehr-Spaß nicht wert. Um beim BDSM locker und entspannt zu werden, bedarf es Vertrauen, Kommunikation und Bewusstsein. Und kein Sektchen.


Disclaimer: Selbstverständlich möchten wir hier niemanden verurteilen, der/die einvernehmlich und sicher während/vor dem BDSM Alkohol in geringen Mengen konsumiert. Es ist nicht verboten oder ausgeschlossen auch nach einem Feierabendbier oder Glas Wein zu spielen. „Don’t kink and drink“ ist jedoch die Regel, zur der eben solche individuelle Ausnahmen möglich sind.

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